Inseln guter Praxis 2 – Initiativen für Kinder und Familien Inhaftierter in Justizvollzugsanstalten

Einige Justizvollzugsanstalten haben sich auf den Weg gemacht, den Kontakt von Inhaftierten zu ihren Kindern familienfreundlich zu ermöglichen und sie für ein Familienleben nach der Haft vorzubereiten. Nach den Beispielen für Initiativen der Freien Straffälligenhilfe stellen wir hier drei Initiativen von JVAs aus Dresden, Bützow und Baden-Württemberg vor.

 

Baden-Württemberg: "Eltern-Kind-Projekt Chance"

Erst kamen die Schulden und mit ihnen die Zwangsräumung. Das war der erste Schock. Drei Monate später kam der zweite Schock, als die Polizei ihren Mann abholte: Betrugsverdacht. Dass das Unternehmen ihres Mannes schlecht lief, hatte Daniela B. noch gewusst. Dass er ein Betrüger sein sollte, nicht. Zum Glück waren die Kinder gerade nicht da. Zum Glück? Was sollte sie ihnen erzählen, jetzt, wo der Vater auf zunächst unbestimmte Zeit nicht wiederkommen würde? Wo sollten sie wohnen? In der Ferienwohnung, in der sie zunächst untergekommen waren, konnten sie nicht bleiben. Und wovon sollten sie leben? Daniela B. wusste im November 2011 nicht weiter.

Kinder und Eltern brauchen Hilfe
Nicht selten stürzt für eine Familie, eine Ehe, vor allem die Kinder, eine Welt ein, wenn einer der Eltern verhaftet und inhaftiert wird. Meist sind die Zurückgelassenen nicht darauf vorbereitet. Das weiß auch Harald Egerer, Geschäftsführer des Vereins Projekt Chance e.V. www.projekt-chance.de und hauptberuflich Leiter der JVA Karlsruhe. „Bei kleinen Kindern steht dabei die physische Trennung vom inhaftierten Elternteil im Vordergrund. Bei älteren Kindern liegt das Problem in der gestörten Kommunikation mit dem Elternteil in Haft“, sagt er. „Die bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass den Kindern am wirksamsten geholfen wird, wenn das Elternteil in Freiheit darin unterstützt wird, sein Leben neu zu organisieren und zu sichern“, ergänzt Hans Kowatsch, Fachbereichsleitung Straffälligenhilfe beim Verein für Jugendhilfe Karlsruhe e.V. „Nur durch die Stärkung der unmittelbaren Bezugsperson kann den betroffenen Kindern das notwendige Maß an materieller und vor allem emotionaler Sicherheit und Verlässlichkeit vermittelt werden, die sie in dieser belastenden Situation brauchen.“

Die beiden wissen, wovon sie reden. Familien von Inhaftierten brauchen oft vielfältige Unterstützung und von der Krisenintervention bei einer Inhaftierung, von der Einschätzung des Hilfebedarfs über die Sicherung der materiellen Existenz, bei Erziehungsfragen oder Trennung professionelle Beratung und Begleitung. Dafür haben sich in Baden-Württemberg insgesamt 24 Einrichtungen und Vereine sowie 18 Justizvollzugsanstalten in dem landesweiten Projekt „Eltern-Kind-Projekt Chance“ zusammengetan. Die Finanzierung erfolgt durch die Baden-Württemberg Stiftung gGmbH, Projektträger ist der Verein Projekt Chance e.V. Dieser hat mit der Umsetzung des Projektes das Netzwerk Straffälligenhilfe in Baden Württemberg http://nwsh-bw.de/ beauftragt. Das Netzwerk Straffälligenhilfe in Baden-Württemberg ist ein Zusammenschluss des Badischen Landesverbands für soziale Rechtspflege, des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes und des Verbands Bewährungs- und Straffälligenhilfe Württemberg.

Koordination und Knowhow
Das Wissen um Ansprechpartner, Stellen und rechtliche Regelungen ist bei Betroffenen nicht weit verbreitet, und die Hemmschwellen, bei Ämtern und Beratungsstellen nachzufragen, sind oft hoch. Deswegen bündelt das Projekt Informationen und Zuständigkeiten. Die Familie kann über die Schulsozialarbeit, den Allgemeinen Sozialen Dienst, Gerichte, Polizei, Gerichtshilfe, die JVA-Besuchsabteilung, den Sozialdienst der JVA oder die Straffälligenhilfe vom Projekt erfahren. Und Inhaftiere können bei den für das Projekt neu eingesetzten Koordinatoren in der JVA um Hilfe bitten. Dann stehen den Familien in landesweit 24 Beratungsstellen sogenannte Fallmanager zur Verfügung, die mit den in Freiheit lebenden Angehörigen arbeiten. Der Schwerpunkt der Betreuungen liegt immer am Wohnort der Kinder, sie sind Mittelpunkt von allen pädagogischen und sozialen Interventionen. Das Hilfsangebot baut landesweit auf einheitlichen Standards auf und sieht verschiedene Projektbausteine vor, die eine spezielle Betreuung und Begleitung während dieser schwierigen Zeit bieten und gezielt den betroffenen Kindern und Familien helfen sollen. Dafür wurden eigens 50 Sozialarbeiter, Sozialpädagogen und Psychologen durch die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Ulm geschult.

Die Hilfe wirkt
Im Fall von Daniela U. war es ihr Ehemann, der schon in der Untersuchungshaft um Unterstützung für seine Familie bat. Er machte sich Sorgen, weil seine Frau und er den Kindern noch nicht gesagt hatten, wo er wirklich war, und er deswegen auch noch keinen Kontakt zu ihnen hatte. Seine Familie wohnte zudem bei seinen Eltern, keine leichte Situation, es kam immer wieder zu Streit. Zudem erwog Daniela, in ihrem Vertrauen zu ihrem Mann schwer erschüttert, die Trennung. Mithilfe von regelmäßigen Beratungsgesprächen konnte allen geholfen werden. Inzwischen lebt Daniela U. mit den Kindern wieder in einer eigenen Wohnung, der Lebensunterhalt der Familie ist sichergestellt und die Kinder wissen über die Inhaftierung Bescheid. Sie besuchen den Vater zweimal im Monat und sind froh zu wissen, wo ihr Vater ist und dass sie ihn regelmäßig sehen können. In die Familie ist zunehmend Normalität eingekehrt und Daniela fühlt sich in ihrer Rolle als Mutter wieder sicher. Durch die Möglichkeit, sich regelmäßig mit jemand zu besprechen, kann sie ihren Alltag als alleinerziehende Mutter besser meistern und hat mehr Zeit für ihre Kinder. Auch die Ehe hat sich stabilisiert und beide Eltern glauben, dass ihre Beziehung die Zeit der Inhaftierung übersteht.


JVA Bützow: „Papa ist auf Montage“

Im Knast fürs Vatersein lernen – so könnte man die Idee der JVA Bützow in Mecklenburg-Vorpommern salopp beschreiben. Das erste Mal kommt im deutschen Strafvollzug ein international anerkanntes Trainingsprogramm zum Einsatz, das Eltern bei der Kindererziehung unterstützen soll. „Triple P“ – Positive Parenting Program – vermittelt Kenntnisse und Verhaltensweisen für eine liebevolle Beziehung, die Eltern in die Lage versetzen sollen, ihre Kinder individuell zu fördern und dabei systematisch auf den Stärken der Familie aufzubauen. Beides ist gar nicht so einfach, wenn man als Inhaftierter nur sporadischen Kontakt zu seinen Kindern hat. Die JVA Bützow hat daher ein Angebot entwickelt, von dem inhaftierte Väter, ihre Lebenspartnerinnen und Mütter der Kinder sowie vor allem die Kinder profitieren sollen.

Der Traum von Familie
„Papa ist auf Montage“ heißt das Projekt. Sein inzwischen schon prominenter Name benennt eines der ersten Probleme der Familien, das (Ver-)Schweigen. Den Kindern nichts vorzumachen, die Situation nicht zu beschönigen, gleichzeitig aber die Väter in ihrer Rolle zu unterstützen, das ist eines der ehrgeizigen Ziele von „Papa ist auf Montage“.  Viele der inhaftierten Männer,  sagt JVA-Leiterin Agnete Mauruschat, träumen von einem besseren Familienleben: „Wenn ich rauskomme, wird alles prima, dann werde ich meine Frau, meine Kinder besser behandeln.“ Meist flüchten sie sich in unrealistische Vorstellungen, die vom Alltag draußen schnell eingeholt werden. Das war der Ausgangspunkt, erzählt sie, im Sinne der Kinder die Väter zu unterstützen, ihren Träumen mit realitätstüchtigen Aktivitäten ein Stück näher zu kommen. 

Inzwischen hat die erste Gruppe von zehn Vätern sechs Monate lang gearbeitet. Die Männer trafen sich einmal in der Woche, um unter der Anleitung von Sozialpädagogen, Sozialarbeitern der JVA Bützow und angehenden Erzieherinnen der Beruflichen Schule für Gesundheit und Sozialwesen aus Schwerin und über sich und ihre Kinder nachzudenken. „Die Handlungskompetenzen der Väter werden entwickelt und gefördert, so dass sie in der Lage sind, die Mütter in der Lebens- und Bildungsplanung der Kinder zu unterstützen“, erläutert Agnete Mauruschat. Gleichzeitig erhielten ihre Familien Beratung durch die Evangelische Jugend als Träger von Jugend-, Familien- und Sozialarbeit. Die Frauen konnten individuellen Beistand bei Schul-, Gesundheits- oder Geldproblemen, Behördengängen und Gesprächen bekommen. Zusätzlich zu den üblichen Besuchszeiten trafen sich die Familien einmal im Monat für drei Stunden im schön gestalteten Familienraum, der ehemaligen Sporthalle der JVA, der bunt bemalt wurde. Persönliche Fotobücher, mit denen die Kinder Fotos von Vater und Mutter als schöne Erinnerung haben, tragen zur Normalisierung des Eltern-Kind-Verhältnisses bei.

Die JVA-Leiterin sieht den Vorteil des Projektes in seinem ganzheitlichen Ansatz: „Es wird von verschiedenen Kooperationspartnern mit unterschiedlichen Fachkompetenzen unterstützt und kommt der gesamten Familie zugute. Väter und Mütter entwickeln Schlüsselkompetenzen, um familiäre Konflikte besser und dauerhafter zu lösen. Kinder lernen, mit der Situation umzugehen und gemeinsam mit beiden Elternteilen ihre und die Zukunft der Familie zu planen.“

Eine Verstetigung steht in den Sternen
Das Projekt, prominent unterstützt von Jo Bausch, dem Pathologen  aus dem Kölner “Tatort“, sowie dem Box-Weltmeister Arthur Abraham, trifft auch beim mecklenburg-vorpommerischen Justizministerium auf offene Ohren. Dabei war die Finanzierung alles andere als einfach. Wie fast alle der hier vorgestellten Projekte mussten die Initiatoren lange Zeit Klinken putzen, um die notwendigen Finanzmittel aufzutreiben. Nach dreijähriger Suche wird „Papa ist auf Montage“ nun für zweieinhalb Jahre von nicht weniger als fünf Stiftungen unterstützt.
Noch steht eine Verstetigung des Projekts in den Sternen, bedauert Agnete Mauruschat. Bis dahin wünscht sie sich, dass die Inhaftierten das Gelernte möglichst schnell und erfolgreich in der Freiheit anwenden können. „Das Ziel des Strafvollzugs ist die Resozialisierung“, sagt sie. „Und für wen gibt es bessere Aussichten als für einen Strafgefangenen, der seine Vaterrolle verantwortlich annimmt?“


JVA Dresden: Die familienorientierte Wohngruppe

Ein Flur, eine Reihe von Türen, eine Gemeinschaftsküche und ein Gemeinschaftsbad. In diesem Trakt der Justizvollzuganstalt Dresden leben Männer, die ihr Vaterdasein besonders ernst nehmen. Es sind Strafgefangene,  die in einem „familienähnlichen Lernfeld“ lernen, Verantwortung zu übernehmen und sich aktiv mit ihrer Elternrolle auseinanderzusetzen. Das fängt mit einem ganz klaren Putzplan an, sagt Katrin Schaefer, Sozialpädagogin beim Sozialdienst der JVA Dresden. Wo im Regelvollzug ein Gefangener zur Arbeit eingesetzt wird, sind die Männer in der „familienorientierten Wohngruppe“ der JVA Dresden selbst verantwortlich. „Zuhause muss ich auch den Dreck von meiner Familie wegräumen, ohne dass mich dafür jemand bezahlt“, begründet dies Frau Schäfer. Weil alle Türen in der Wohngruppe durchgehend offen sind, haben die Inhaftierten mehr Kontakt zueinander. „Sie sind gezwungen, zu kommunizieren und Konflikte angemessen untereinander zu regeln.“ Katrin Schaefer beobachtet oft, dass sich das Verhalten der Männer hier schnell von denen der übrigen Gefangenen unterscheidet. Der Inhaftierte im Regelvollzug will üblicherweise Stärke zeigen, um sich zu behaupten: „Der wird niemals über den Gang laufen und zeigen, dass er traurig ist, weil er den ersten Schritt von seinem Kind verpasst hat oder weil er sich freut, dass das Kind ein Bild gemalt hat.“ Die Gefangenen im Regelvollzug seien häufig nur Väter beim Besuch oder wenn sie abends für sich allein und wenn es keiner sieht einen Brief lesen. In der Wohngruppe, sagt Frau Schaefer, sprechen die Männer offener über ihre Vaterrolle, ihre Gefühle und Ängste, und sie können sich gegenseitig trösten. „Hier gibt es Inhaftierte, die üben mit ihren Kindern am Telefon Mathe oder Lesen oder sie schicken Schulaufgaben hin und her.“ Verantwortungsübernahme, das heißt für sie auch, dass einem Vater bewusst wird, wie wichtig es ist, dass sein Kind, das große Verlustängste hat, beispielsweise zuverlässig jeden Montag Post bekommt. Oder dass er sein Geld spart, um die Telefonate mit den Kindern bezahlen zu können.

Vatersein steht im Mittelpunkt
Das alles kommt nicht von allein. Einmal in der Woche spricht Katrin Schaefer mit den Inhaftierten in der Gruppenrunde zum Thema „Vatersein“.
„Zum Teil kommen die Themen von den Gefangenen“, erzählt sie. „Vor allem die Frage: Was kann ich tun, um meiner Vaterrolle gerecht zu werden und für mein Kind präsent zu sein, wenn ich keinen Ausgang und keinen Urlaub habe?“ Auch Ängste vor der Entlassung werden thematisiert: „Wann kann ich wieder richtig miterziehen? Wie lange lässt mich meine Frau nur Gast sein? Wie reagiere ich, wenn das Kind sagt: Du hast mir gar nichts zu sagen, guck mal, wo du herkommst!“
Unterstützt von einem Familienzentrum in Dresden werden auch Themen wie Trotzalter, altersgerechte Sprachentwicklung oder Erste Hilfe am Kind eingebracht. Und alle Gefangenen der Wohngruppe machen den Kurs vom Deutschen Kinderschutzbund ‚Starke Eltern, starke Kinder‘. Flankierend haben die Inhaftierten zwei Besuchsstunden mehr als die übrigen Gefangenen. „Wir achten darauf, dass diese von den Kindern genutzt werden“, sagt Frau Schaefer.
Das Team der Wohngruppe gestaltet außerdem mehrfach im Jahr Familiennachmittage in und außerhalb der Haftanstalt. Dann können die Strafgefangenen mit ihren Familien backen und kochen, mit den Kindern spielen und basteln oder einen Ausflug unternehmen.

Die JVA Dresden, mit mehr als 800 Plätzen die größte sächsische Justizvollzugsanstalt, will mit mehreren Maßnahmen für einen familienfreundlichen Vollzug sorgen. Die Hürden für die Wohngruppe allerdings sind hoch. Der Strafgefangene muss disziplinarisch unauffällig und sein Drogentest negativ sein. Damit die Maßnahmen wirken können, sollten die Strafgefangenen mindestens sechs Monate und maximal zwei Jahre Reststrafe haben, am besten mit Aussicht auf Verlegung in den offenen Vollzug. Die Kinder und Mütter müssen informiert sein und mitmachen wollen. „Daran scheitern viele“, weiß Katrin Schaefer. Für mache ist es schwierig, den Kindern kein Märchen vom heldenhaften Aufenthalt auf einer Ritterburg vorzuschwindeln.

Das Modell hat Erfolg. Den kann Katrin Schaefer nicht nur am Verhalten der Inhaftierten, ihrer Kinder und Angehörigen ablesen, sondern auch an den positiven Reaktionen des JVA-Personals oder von Jugendämtern. „Mit Blick auf die Kinder, die davon betroffen sind und nichts dafür können, bekommt man ein Verständnis für den Sinn unserer Maßnahmen“, sagt Katrin Schaefer

Alle Bilder: www.kids-malen-knackis.de