Vierundvierzig Jahre Knast

Ingeborg von Westermann hat ihr halbes Leben lang Häftlinge in Gefängnissen besucht. In dem Film „Vierundvierzig Jahre Knast“ kommt sie zu Wort und berichtet eindrücklich über ihre ehrenamtliche Arbeit in der JVA Rheinbach und ihre Motivation sich für straffällig gewordene Menschen einzusetzen.


Der folgende Beitrag gibt einen ersten Einblick in den Film und seine Entstehungsgeschichte.

Aufblende:


Die Hände einer alten Frau zeichnen Meereswellen, einen finsteren Wasserstrudel. Die Stimme der alten Frau erzählt, wie man sich beim Untergang eines Schiffes verhalten muss, um eine Chance zum Überleben zu haben.

Schnitt:

Unvermittelt sieht man die alte Dame in einem Sessel sitzen. Auf dem Tisch vor ihr steht ein Teeservice, es gibt Plätzchen und sie erzählt von Räubern, Mördern und Betrügern. Sie spricht so freundlich über diese Menschen, dass man leicht vergessen kann, dass sie von Menschen spricht, die verurteilt wurden, weil sie andere betrogen, beraubt, vergewaltigt oder umgebracht haben.

Die alte Dame hat Menschen im Gefängnis besucht.

Die Dame heißt Ingeborg von Westerman. Ihr halbes Leben lang hat sie Häftlinge in der JVA Rheinbach besucht. Meine ganze Jugendzeit lang – solange ich zuhause lebte – habe ich die Knastgeschichten meiner Mutter gehört. Später bin ich Filmemacher geworden. In den vergangenen zwei Jahren habe ich zusammen mit meiner Frau einen Film über die Lebensaufgabe meiner Mutter gedreht. Zum Zeitpunkt der Filmaufnahmen war sie fast 90 Jahre alt. Sie erzählt, wie sie dazu kam, in den Knast zu gehen.

Der erste Häftling, den die Mutter dreier Kinder im Gefängnis besuchte, hatte eine junge Frau umgebracht. Diesen Lebenslänglichen begleitete sie durch seine ganze Haftzeit. Im Laufe der Jahre lernte sie viele andere verurteilte Straftäter kennen. Von einem stolzen Einbrecher erfuhr sie, was ein „sauberer Bruch ist“. Ein Betrüger, der als falscher Arzt in Krankenhäusern Patienten bestohlen hatte, behauptete einen Mord, den er nicht begangen hatte, weil er als hoffnungsloser Rückfalltäter in Freiheit nicht zurechtkam. Er wollte lieber im Gefängnis leben. Jeder dieser Männer hat seine Geschichte, jede dieser Geschichten hat zu Straftaten geführt.

Alle sind erleichtert, wenn in der Zeitung zu lesen ist, dass ein stadtbekannter Schlägertyp, der zeitweise sogar unter Mordverdacht gestanden hat, verhaftet worden ist. Wenn ihm der Prozess gemacht wird. Die Lokalpresse zitiert den Sprecher einer Opferschutzvereinigung: „Es ist wichtig für die Opfer einer Straftat, dass ein Täter gefasst und verurteilt wird.“ Der Täter kommt in Haft, wird weggesperrt, stellt keine Bedrohung mehr dar.
Und jetzt? Kann man von der Justiz, von einer Behörde, verlangen, dass sie Straftäter zu besseren Menschen macht? Muss man sich als Bürger für den Strafvollzug interessieren?

„Die Straftäter kommen aus unserer Gesellschaft. Sie begehen ihre Straftaten in unserer Gesellschaft. Sie werden im Auftrag der Öffentlichkeit verfolgt, verhaftet und vor Gericht gestellt. Sie werden im Namen der Gesellschaft verurteilt. Ihre Haft erfolgt auf Kosten dieser Gesellschaft. Anschließend werden sie wieder in unsere Gesellschaft entlassen – da ist es doch konsequent, wenn sich diese Gesellschaft dafür interessiert und darauf Einfluss nimmt, was mit verurteilten Straftätern in der Haft geschieht – im eigenen Interesse“, antwortet Ingeborg von Westerman während einer Podiumsdiskussion auf diese Frage.

Der Film „Vierundvierzig Jahre Knast“  dokumentiert eine Möglichkeit, Straffälligenhilfe zu leisten. Der Film zeigt keine langen Gänge eines Hafthauses, keine schweren Zellentüren, keine vergitterten Fenster, schon gar keine Zelle. Denn hier geht es um Menschen, die im Gefängnis sitzen. Es geht um ihre Geschichte, darum, wie einer zum Vergewaltiger und Mörder geworden ist, warum ein anderer stolz darauf ist, bei jemandem einzubrechen, und wie ein dritter zum Betrüger und Räuber wird, zum Wiederholungstäter, der von allen Richtern als hoffnungsloser Fall eingestuft wird.

Wie kann man im Film Geschichten darstellen, die man eigentlich nur in vertrauten Gesprächen zusammentragen kann? Welcher Gefangene wird sich einer Kamera anvertrauen? So landet dieser Film gestalterisch beim Ursprung allen Erzählens: Eine Person sitzt im Sessel und erzählt.

Zum Glück ist Sie eine sehr gute Erzählerin. Im Verlaufe ihrer Erzählung von Straftaten, Haft und Entlassungsvorbereitungen spiegeln sich im Ausdruck ihres Gesichtes die verschiedenen Rollen wider, in die sie schlüpft, während sie sich an die Begegnungen und Gespräche mit den Häftlingen erinnert. „Sehr viele Gefangene wissen überhaupt nicht, was eigentlich der Auslöser dafür ist oder der Grund, weshalb sie immer wieder straffällig werden. Natürlich gibt es viele Leute, die nur einmal in ihrem Leben straffällig werden, also, aus Eifersucht jemanden umbringen, das kann man damit nicht auffangen, das kann man auf diese Weise nicht verhindern – aber diejenigen, die Wiederholungstäter sind, da würde es sich lohnen, dahinter zu gucken ...“ Hier könne man ansetzen, um einen Weg zu finden, der aus der Straffälligkeit hinausführt, bemerkt Ingeborg von Westerman und erklärt: „Der Justizvollzug ist bei uns an Juristen aufgehängt – und dabei ist das Hauptziel des Vollzugs ein pädagogisches. Natürlich ist es eine Frage, ob es dann nicht sinnvoller wäre, einen studierten und erfahrenen – praxiserfahrenen – Pädagogen da einzusetzen, ... wo alles darauf ankommt, dass gute pädagogische Arbeit gemacht wird, im Sinne der Bevölkerung, die ja letzten Endes den Strafvollzug bezahlt – die auch auszubaden hat, die Folgen eines Strafvollzugs, in dem eben nicht Zeit genug war, sich mit den Menschen zu beschäftigen.“

„Vierundvierzig Jahre Knast“ verdeutlicht, welche Rolle die Ehrenamtlichen im Gefängnis spielen, er stellt einen möglichen Arbeitsansatz dar. Ingeborg von Westermans Erzählung verknüpft die Erlebnisse von Straftätern mit eigenen Erfahrungen, die wider Erwarten nicht weit auseinanderliegen. Die brandaktuellen Themen Flucht und Integration drohen die Straffälligenhilfe an den Rand zu drängen – aber sie überschneiden sich mit ihr. Die Erzählung rückt ins Blickfeld, was aus heutiger Sicht manchmal fern erscheint: Wie jeder unversehens in die Lage geraten kann, ausgegrenzt zu sein, und der Solidarität bedarf, um sich integrieren zu können.

Als Ehrenamtliche bestand ihre Solidarität darin, wach und offen zu sein, den aus dieser Gesellschaft ausgeschlossenen Gefangenen auf Augenhöhe zu begegnen. Sie ist als engagierte, mündige Bürgerin in den Knast gegangen, möglichst unabhängig und unbeeinflusst von der Justiz oder einschlägigen öffentlichen Einrichtungen. Aber eben auch nicht unerfahren oder gar naiv. Das Gefängnis ist ein Ort, an dem sich der Austausch von Lebenserfahrungen mit Straftaten konzentriert. Durch den Film wird deutlich, wie die Lebenserfahrung jeder Person, die ehrenamtlich im Gefängnis Insassen besucht, dazu beiträgt, Perspektiven in den Knast zu bringen, die ein Leben ohne Straftaten bedeuten.
Eine Zuschauerin schrieb den Filmemachern: „Dieser Film macht Mut zu ehrenamtlicher Arbeit!“

Man muss kein Ehrenamtlicher sein, um sich diesen Film anzusehen, man kann sogar einer sein, der die Straffälligenhilfe skeptisch sieht. Es ist ein Film für jeden, der ein bisschen mehr wissen will – mehr über die Menschen, die dort leben.

Autor: Kai von Westermann

Tipp:

Der Dokumentarfilm „Vierundvierzig Jahre Knast“ kann ab sofort für Aufführungen gebucht werden, sinnvollerweise sicherlich in Zusammenarbeit mit öffentlichen Bildungsträgern, sozialen Einrichtungen und Kinos, dort, wo viele zuschauen können, denn erstaunlicherweise bietet der Film trotz oder wegen des „schwierigen“ Themas: Gute Unterhaltung!

Die Lizenz für eine öffentliche Aufführung kostet 150 EURO. Wenn der Filmemacher mit zum Publikumsgespräch kommen soll, dann kostet das 200 EURO - ggfs. zuzüglich Kostenübernahme für An- und Abreise sowie bei weiter entfernten Orten für die Übernachtung.

Kontakt: Kai von Westerman, Kinematografie
E-Mail: Westerman.Karas(at)t-online.de


Trailer zu Film unter: vimeo.com/315106588