Was bewirken Geldstrafen im Leben der betroffenen Personen?
In Deutschland führen seit Jahrzehnten rund 85 Prozent der strafrechtlichen Verurteilungen zu einer Geldstrafe. Damit ist sie die Hauptsanktion unseres Strafsystems. Doch was bewirkt sie im Leben der Menschen, die sie bezahlen müssen?
Schränkt sie den Alltag ein – und wenn ja, wie stark? Zahlt am Ende die Partnerin oder der Partner? Führt sie zu Schulden? Verschärft sie Konflikte in der Familie? Wird für die Ratenzahlung Geld verwendet, das eigentlich für die Kinder gebraucht wird? Oder wird sie ohne jegliche Wirkung aus dem Vermögen mit einem Klick überwiesen? Über diese lebensweltlichen Folgen der Geldstrafe gibt es in Deutschland keine empirischen Erkenntnisse.
Die Geldstrafe gilt als vergleichsweise milde Sanktion, da sie „nur“ Geld entzieht, nicht die Freiheit. Betroffene können in ihrem sozialen Umfeld bleiben. Doch bedeutet das auch, dass ihre sozialen Beziehungen und ihre Lebensgrundlagen unberührt bleiben?
Die Forscherin Amy Cullen von der Universität in Glasgow/Schottland stellt genau diese Annahme infrage. Für ihre Studie hat sie Fachkräfte interviewt, die Menschen bei der sozialen Reintegration unterstützen. Die Berichte zeigen, wie sich offene Geldstrafen über Jahre hinziehen, knappe Ressourcen aufzehren und Bemühungen um Stabilität durchkreuzen können.
Besonders aufschlussreich ist die zeitliche Dynamik: Gerade dann, wenn Menschen beginnen, ihr Leben zu stabilisieren, können alte Geldstrafen zur spürbaren Belastung werden. Die Vergangenheit bleibt finanziell präsent und erschwert den Neuanfang. Auch Beziehungen, Wohnsicherheit und der Zugang zu Unterstützung können durch die Vollstreckung unter Druck geraten. Eine Sanktion muss Menschen also nicht aus ihrem Umfeld herauslösen, um desozialisierende Wirkungen zu entfalten.
Ein spannender Beitrag aus Schottland. Und ein Forschungsauftrag auch für uns in Deutschland.
Amy Cullen (2026): ‘A Noose Around the Neck’: Financial Penalties, Extended Enforcement, and Barriers to Rehabilitation. In: The Howard Journal of crime and justice.


