US-Studie zu Gefängnissen: Wie schwer wiegt der Entzug von Sexualität?

Eine US-amerikanische Forschungsgruppe hat in einer bemerkenswerten Befragung untersucht, wie schwer es Menschen aus der Allgemeinbevölkerung fiele, dauerhaft auf sexuelle Aktivitäten zu verzichten. Dafür legten die Forschenden den Teilnehmenden verschiedene hypothetische Entscheidungssituationen vor: Sie sollten jeweils zwischen (lebenslangem) Sexverzicht und einer anderen Sanktion wählen. Die Ergebnisse waren eindrücklich: Rund die Hälfte der Befragten würde bei einem lebenslangen Verzicht auf sexuelle Aktivitäten eher Auspeitschung oder Stockschläge in Kauf nehmen. Immerhin 26 Prozent gaben sogar an, sie würden eine Handamputation dem dauerhaften Verzicht vorziehen.

Mit der Befragung wollten die Autor*innen verdeutlichen, wie einschneidend das in vielen US-Gefängnissen geltende weitgehende Verbot einvernehmlicher sexueller Kontakte – einschließlich Masturbation – für Inhaftierte sein kann. Sie bewerten diese Regelungen als unnötige und unmenschliche zusätzliche Bestrafung. Historisch seien die Verbote vor allem durch moralische Vorstellungen, Homophobie und Sicherheitsbedenken geprägt worden; belastbare wissenschaftliche Nachweise für ihre positiven Wirkungen gebe es hingegen nicht.

Zudem wurde nach der gegenwärtigen öffentlichen Haltung zu Sexualität im Gefängnis gefragt. Nur 7 Prozent der Befragten glaubten, ein Sexverbot könne Vergewaltigungen in Haft verringern. Eine knappe Mehrheit von 52 Prozent vertrat dagegen die Auffassung, ein solches Verbot erhöhe das Risiko sexueller Gewalt. Einvernehmlichen Sex zwischen Gefangenen lehnten 39 Prozent ab, 41 Prozent standen ihm neutral gegenüber und 20 Prozent befürworteten ihn. Besonders ausgeprägt war die Ablehnung bei sexuellen Kontakten zwischen Männern.

Die Autor*innen fordern deshalb, solche Verbote nicht als selbstverständlichen Teil einer Haftstrafe zu akzeptieren. Stattdessen sollten wissenschaftlich begleitete Pilotprojekte prüfen, ob einvernehmliche sexuelle Intimität unter klaren Regeln und mit Schutzmaßnahmen wie Kondomen möglich ist, ohne Sicherheit und Ordnung im Gefängnis zu gefährden.

In diesem Zusammenhang schlagen sie auch eine „goldene Regel“ für den Strafvollzug vor: Wenn eine Regel Gefangenen Leid zufügt, muss ihre Notwendigkeit und ihr Nutzen empirisch nachgewiesen werden.

Die Studie ist im Journal Criminolog & Public Policy erschienen:

Pickett, J. T., Cullen, F. T., Burton, A. L., Jonson, C. L., Schutten, N., & Burton, V. S. (2026). The hidden inhumanity of incarceration: Quantifying the suffering caused by banning sexual intimacy behind bars. Criminology & Public Policy, 25, 551–576. https://doi.org/10.1111/1745-9133.70027

Vergleichen Sie zur Situation in Deutschland zwei aktuelle Publikationen von Heino Stöver und Bärbel Knorr sowie von Hanna Harriet Hanss, Inga Schröter und Johannes Fuß.